Interview with Nightwish 51

Source: Legacy

7/2001

Kaum eine andere Band aus dem traditionellen Metal-Sektor kann eine ähnlich steil nach oben verlaufende Erfolgskurve vorweisen wie die finnischen Newcomer NIGHTWISH. Auf ihre letzten beiden Alben "Oceanborn" und "Wishmaster" folgten euphorische Reaktionen von Fans und Presse sowie ein ausverkauftes Konzert nach dem anderen. In Finnland erlangte man mit Wishmaster sogar Platinstatus. Höchste Zeit also, dass NIGHTWISH mit einem Album der ganz besonderen Art "Danke" sagen. Dieses trägt den Titel "Over the Hills And Far Away" und sollte ebenso wie die zeitgleich erscheinende DVD "From Wishes To Eternity" Thema eines aufschlussreichen Telefongesprächs sein, dass ich mit Sängerin Tarja Turunen kurz nach Redaktionsschluss hatte.


Gleich zu Beginn unserer Unterhaltung klagt mir Tarja in ihrer rührigen Art ihr hartes Los. "Im Moment bin ich erkältet, da das Wetter hier in Finnland immer so kalt ist. Zwar scheint gerade die Sonne, aber das ist selten hier. Ich hoffe, dass ich bald wieder ohne Beschwerden singen kann." Und auch ihre Erinnerungen an die "Wishmaster"-Tour sind von ähnlichen Eindrücken geprägt: "Es war eine lange Tour. Nach fünfeinhalb Wochen in Europa ging es nach Kanada, Südamerika und dann zurück nach Finnland. Vor allem für mich als Sängerin war es sehr anstrengend, da ich jeden Abend gut bei Stimme sein musste. Wir mussten in Deutschland sogar eine Show canceln. Das tat uns unheimlich leid. Aber wir waren alle so krank, dass es einfach nicht mehr ging. Es ist immer dasselbe, man wird auf jeder Tour krank. Aber risikofaktoren wie verrauchte und heiße Hallen lassen sich ebenso wenig vermeiden wie späte Konzerte."


Von den NIGHTWISH-Fans zeigt sich Tarja hingegen restlos begeistert. Niemand in der Band hätte derart überschwengliche Reaktionen erwartet. Und um im großen Stil "Danke" zu sagen, veröffentlichen NIGHTWISH nun als Überbrückung zum nächsten Studio Album mit "Over the Hills and far away" eine Compilation der besonderen Art. Ursprung der ganzen Aktion war ein Konzert, dass die Band für ihre finnischen Fans Ende letzten Jahres mitschneiden ließ. Doch lassen wir Tarja selbst die Situation erklären: "Aus Kostengründen sind wir den Kompromiß eingegangen, das Live-Album während eines einzigen Gigs mitschneiden zu lassen. Es wurde am 29. Dezember letzten Jahres in Tampere/ Finnland aufgenommen. Es lastete ein großer Druck auf uns, da ein riesiges Kamerateam vor Ort war und alles beim ersten Versuch perfekt sein musste. Ensprechend nervös waren wir zuvor. Es waren ca. 1.200 Menschen anwesend und wir haben viel Pyrotechnik sowie eine große Liveshow eingesetzt. Es war ein großes Spektakel, das es in Finnland noch nie zuvor gab. Alle 15 Songs, die wir spielten, haben es auf die finnische CD-Version und die DVD geschafft."


Die in Rest-Europa erscheinende Version unterscheidet sich von der Finnischen indes in einigen Merkmalen. So enthält sie lediglich sechs ausgewählte Live Tracks, wird allerdings durch die Präsenz von vier bis dato unveröffentlichten Studio-Tracks deutlich aufgewertet. "Nachdem so viele Leute aus dem Ausland Interesse an dem Live-Album zeigten, mussten wir einen Kompromiss finden, da wir schlecht die finnische Versione weltweit veröffentlichen konnten", führt die Sängerin weiter aus. "Die vier Studio Tracks werden in Finnland nur als Single veröffentlicht. Für das Ausland bilden sie zusammen mit sechs Live-Tracks die Alternativversion von "Over the Hills and far away". Auf der DVD "From Wishes to Eternity" können allerdings auch unsere deutschen Fans das komplette Konzert sehen." Und diese DVD ist eine durchaus lohnenswerte Anschaffung. Zumindest versteht es Tarja, mich mit ihren weiteren Ausführungen zu der Thematik richtig neugierig zu machen: "Neben dem kompletten Konzert gibt es darauf auch Interviews mit Tuomas und mir, alle unsere Videoclips, Promo-Videos von Kanada, Live-Videos aus Buenos Aires sowie einige unserer allerersten Photos überhaupt. Es ist also ein riesiges Package extra für unsere Fans."


Bei genauerem Hinhören lassen sich jedoch neben Tarjas wundervollem Gesang auch weitere Stimmen auf der CD hören. Die Frage, ob hier im Studio noch etwas nachbearbeitet wurde, verneint die Sängerin energisch: "Ich kann live natürlich nur eine Stimme singen. Aus diesem Grund kommen die Chöre von einem Mini-Disk-Player. Anders könnten wir unsere aufwendigen Studio-Aufnahmen live gar nicht umsetzen." Titelsong und gleichzeitig Coverversion von Gary Moore ist der Opener "Over the Hills and far away", ein Song, der wie die Faust aufs Auge zu NIGHTWISH zu passen scheint.Tarja: "Wir spielten schon lange mit dem Gedanken, den Song zu covern. Wir sind zwar keine wirklichen Fans von Gary Moore, hören aber seine Musik durchaus gerne. Es ist schade, dass sich viele Leute in unserem Alter nicht mehr an das Lied erinnern, obwohl es gerade mal von 1987 ist. Zwar ist "Over the Hills..." etwas gänzlich Neues für uns, aber ich finde, wir haben es geschafft, den Song 100% nach NIGHTWISH klingen zu lassen. Es hat wirklich riesigen Spass gemacht." Zu dieser Nummer gesellen sich die beiden neu komponierten Stücke "10th man down" und "Away", sowie eine überarbeitete Version von "Astral Romance", das im Original auf dem Debut von "Angels Fall First" zu finden ist. "Die Studio-Tracks sind alle brandneu. Wir haben sie erst vor kurzem aufgenommen. In Finnland sind sie noch nicht einmal veröffentlicht", erzählt die sympathische Sängerin weiter.


Das Coverartwork der resteuropäischen Version von "Over the Hills..." ziert eine beeindruckende Konzertszene vor riesigen Hügeln unter einem rot erleuchteten Horizont. Meine Vermutung, dass hier digital nachgeholfen wurde, kann Tarja nur bestätigen: "Für das Cover sind alleine Drakkar verantwortlich. Wir haben dieses Mal nicht mit ihnen zusammengearbeitet, da Tuomas und ich zu sehr beschäftigt waren. Das Live-Bild wurde in Sao Paolo/ Brasilien aufgenommen und die Berge erst nachträglich eingefügt, das das Konzert in einer Halle stattfand. In Finnland wird die Single allerdings hellblau sein. Das Bild hat unser Bassist Sami in Chile aus dem Flugzeug heraus bei der Landung aufgenommen. Es ist großartig allein schon wegen der Berge und des klaren blauen Himmels."


Wir Tarja erwähnte, war sie in der letzten Zeit sehr beschäftigt und steht auch im Moment wieder unter großem Stress, was ihr eigentlich gar nicht behagt, wie sie zugibt. Mich interessierte, was sie neben ihrer Beschäftigung mit NIGHTWISH so in ihrem Leben treibt. Tarja: "Im Moment konzentriere ich mich voll und ganz auf NIGHTWISH und kann davon leben. Gerade haben wir fünf Monate Pause, in denen ich mich wieder auf mein Musikstudium stürze. Natürlich gebe ich auch noch gelegentlich Klassikkonzerte." Bevor Tarja zu NIGHTWISH stieß, hatte sie nämlich nur klassische Stücke gesungen und von Heavy Metal praktisch keine Ahung, wie sie weiter ausführt. "Tuomas hatte den Wunsch, mit einer klassischen Sängerin zusammenzuarbeiten und ich war die einzige Verfügbare in der Gegend. Ab diesem Zeitpunkt ging alles sehr schnell und wir hatten viel Glück. Wir haben jedenfalls noch nie vor 20 Leuten gespielt. Dafür mussten wir allerdings auch den schnellen Erfolg verarbeiten und mit der ganzen Situation fertig werden, um nicht vollkommen verrückt zu werden. Das war auch nicht immer einfach." Privat ist die Sängerin im Gegensatz zur Musik von NIGHTWISH allerdings vorwiegend den sanfteren Klängen zugeneigt. Für das Legacy wirft sie einen Blick in ihre CD Sammlung und kramt spontan Vangelis und Sarah Brightman hervor. "Ich habe mich daran gewöhnt, melodischen Metal zu hören", gibt sie zu. "Aber dies ist die Musik, die wir selbst spielen, deshalb hören wir sie privat nicht so häufig. Man sollte einfach für alles offen sein. Natürlich höre ich nach wie vor viel Klassik, schon alleine wegen meiner Karriere. Darüber hinaus mag ich Soundtracks, Filmmusik und ruhige, melancholische Lieder."


Worin sieht Tarja eigentlich die schwerwiegensten Unterschiede zwischen einem klassischen Konzert und einem Auftritt mit NIGHTWISH? "Wenn ich vor einem Publikum klassische Stücke singe, gehe ich sehr hart mit mir selbst ins Gericht", gibt sie lächelnd zu Protokoll. "Es muss alles perfekt sein. Wenn nicht, bin ich unausstehlich nach dem Konzert, es ist schrecklich, haha. Vor einem Metal Publikum macht es mehr Spass zu spielen, da eine ständige Kommunication zwischen Band und Fans vorherrscht. Es war eine ganz wunderbare Erfahrung, als ich merkte, dass mich diese Leute akzeptierten. Ich wusste zuvor gar nichts über diese Musik und wurde quasi ins kalte Wasser geworfen." Und war eine mehrwöchige Tour durch ganz Europa mit einer Metal-Band nicht eine große Umstellung, nachdem Tarja zuvor auch mit ganz anderen Menschen verkehrte? "Oh ja!", lautet die Antwort. "Ich war die einzige Frau in der Crew, aber das war sehr witzig. Manchmal fühle ich mich selbst fast schon wie ein Kerl, haha. Aber ich habe mich auf Tour auch oft sehr einsam gefühlt, obwohl man viele Menschen trifft. Deswegen unterhalte ich mich immer sehr gerne mit den Leuten. Darüber hinaus sehe ich mir die Gegend an, laufe, wäre mich lange auf, lese viel und höre Musik, damit die Zeit irgendwie vergeht."


Zum Abschluss galt es natürlich noch in Erfahrung zu bringen, wie es um die Vorbereitungen zu einem neuen NIGHTWISH-Studio-Album bestellt ist. Und Tarjas Ankündigungen klingen in jedem Fall vielversprechend, wie ich finde. "Tuomas komponiert die ganze Zeit und es ist geplant, dass wir nächstes Jahr ab Januar wieder ins Studio gehen. Es sieht alles nach einem großen Projekt aus und es wird sicherlich einige Zeit in Anspruch nehmen, alles zu arrangieren und zu organisieren. Der Unterschied zwischen unseren Balladen und unseren bombastischen Liedern wird auf dem nächsten Album noch größer ausfallen. Wenn ich Tuomas' Gedanken richtig lese, arbeitet er an einem Konzeptalbum. Mehr möchte ich aber noch nicht verraten." Lassen wir uns also überraschen...


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