Interview with Nightwish 40

Source: Rockhard

Mit ihrem zweiten Longplayer "Oceanborn" schafften NIGHTWISH in ihrer finnischen Heimat den totalen Durhbruch. Das Album wurde ebenso wie die drei Single-Auskopplungen vergoldet, und auch im restlichen Europa eroberte das symphatische Quintett die Herzen der Metalfans im Sturm. Schneller als erwartet beglücken uns NIGHTWISH nun mit ihrer neuen Scheibe "Wishmaster". Finnland Experte Albrecht heftete sich an die Fersen der Band.


Spannung liegt über dem Finnvox-Studio. In einem der zahlreichen Kontrollräume hat sich nicht nur eine stattliche Anzahl europäischer Journalisten eingefunden, auch NIGHTWISH-Sängerin Tarja rutscht unruhig auf der Sitzbank hin und her, denn selbst sie hat den fertigen Mix des neuen Albums noch nicht gehört. Ein Fläschchen Pils beruhigt ihre Nerven zunächst mal. Ist schon eine völlig neue Situation für die Band, denn alle Welt erwartet natürlich wieder ein solches Wunderwerk wie "Oceanborn". Doch eigentlich müssen NIGHTWISH sich überhaupt keine Sorgen machen. Schon der Opener 'She Is My Sin' bringt alle Stärken der Truppe auf den Punkt: supereingängige Melodieführung, bombastisches Arrangement, fantasievolle Keyboard-Arbeit, exzellentes Power-Drumming und dazu Tarjas einzigartige Stimme. Doch schon beim zweiten Track 'The Kinslayer' fällt auf, dass sie ihre Vocals variabler einsetzt, sich mehr den Melodien anpasst und nicht mehr ausschließlich auf das Opernhafte setzt. Andererseits ist sie in der Lage, allein mit ihrem Gesang eine eher mittelprächtige Nummer wie 'Come Cover Me' zu retten. Stück Nummer vier, 'Wanderlust', kann allerdings auch Tarja nicht mehr aufwerten. Bei diesem Song sind NIGHTWISH zu sehr auf Nummer sicher gegangen. Das Stück klingt wie ein Abziehbild einiger "Oceanborn"-Hits. Dann allerdings geben die Finnen richtig Gas. Bis zum Ende des Albums ist keine einzige schwache Nummer mehr zu entdecken. Ganz im Gegenteil: 'Bare Grace Misery' ist eine todsichere Single, der Titeltrack erinnert in Sachen Bombast an eine Mischung aus Queen und Blind Guardian, die beiden überlangen Songs 'Dead Boy's Poem' und 'Fantasmic' entpuppen sich als großartige Mini-Dramen mit vielen überraschenden Wendungen, originellen Keyboard-Sounds und famosen Drumming. Die Journalistenmeute applaudiert am Ende der Vorstellung spontan, und auch Tarja hat wenig auszusetzen. Entsprechend relaxt ist die Dame später beim Interview. Keyboarder und Hauptkomponist Tuomas kann allerdings nicht verleugnen, dass der Druck, der auf seinen Schultern lastete, ziemlich unangenehm war.


"Dabei kam dieser Druck gar nicht mal so sehr von außen"
, sinniert der schmächtige Tastenmann. "Wir waren uns oftmals selbst nicht sicher, ob die Songs gut genug für NIGHTWISH sind. Ansonsten war es aber nicht schwierig, dieses Album zu produzieren. Wenn du ehrlich zu dir selbst bist und nur die Musik schreibst, auf die du auch wirklich Bock hast, kann normalerweise nicht viel schief gehen. Man darf bloß nicht darüber nachdenken, ob außenstehende Personen die Songs mögen könnten - dann macht man sich nämlich unnötig verrückt."


Überrascht war die Band von der Sympathiewelle, die ihr nahezu überall in Europa entgegenschlug.
"Die Tor mit Rage waren unsere ersten Konzerte außerhalb von Finnland", blickt Tarja zurück. "Wir wussten überhaupt nicht, was uns erwarten würde. Um so erstaunter waren wir von dem unglaublichen Feedback, das uns eine beachtliche Portion Selbstvertrauen gab. Das war eine große Befriedigung und Ansporn, noch bessere Songs zu schreiben."
Allerdings dürfte die Versuchung recht groß gewesen sein, sich an das Erfolgsrezept zu klammern und eine möglichst ähnlich klingende Scheibe wie "Oceanborn" aufzunehmen. "Wir hatten überhaupt nicht die Zeit, um darüber nachzudenken", verneint Tuomas. "Wir wollten "Wishmaster" unbedingt im Mai veröffentlichen und sind zum Schluss ganz schön ins Schwitzen gekommen, als der Studiotermin immer näher rückte."
Na ja, aber zumindest die Opening-Phase von 'Wanderlust' hört sich verdächtig nach diversem "Oceanborn"-Material an ...
"Okay, ich bekenne mich schuldig", grinst der Tastenmann. "'Wanderlust' war der letzte Track, den ich für "Wishmaster" komponiert habe, und ich hatte das Gefühl, dass wir noch nicht genügend schnelles Keyboard-Skalen-Gedudel auf der Platte haben - also baute ich diesen Part ein. Ich dachte einfach, dass das den Leuten gefallen würde."


Das Interesse der Öffentlichkeit konzentriert sich oftmals auf die reizende Frontfrau Tarja, doch Tuomas ist das Gehirn der Band, verantwortlich für die Musik und sämtliche Texte. Wobei der gute Mann zusätzlich noch mit der Schwierigkeit zu kämpfen hat, dass seine Lyrics von einer Frau gesungen werden. Könnte mir vorstellen, dass das gelegentlich zu Komplikationen führt.
"Ach, normalerweise ist das überhaupt kein Problem - nur bei 'She Is My Sin' gestaltete sich die Sache etwas vertrackter. Ich musste doch einige Stellen verändern, weil es sonst wohl sehr albern geklungen hätte, wenn gewisse Phrasen von einer weiblichen Stimme vorgetragen worden wären."
Tarja, hast du jemals einen Text abgelehnt, den Tuomas geschrieben hat?
"Bislang noch nicht. Ich muss mich zugegebenermaßen sehr stark konzentrieren, wenn ich seine Zeilen einsinge, muss mich in ihn hineinversetzen, um zu verstehen, was er ausdrücken will. Ehrlich gesagt weiß ich aber immer noch nicht, was er sich bei 'She Is My Sin' gedacht hat ..."
Hast du nie darüber nachgedacht, selbst Lyrics für NIGHTWISH zu verfassen?
"Nein, weil ich glaube, dass ich in dieser Hinsicht nicht übermäßig talentiert bin. Tuomas ist die Seele von NIGHTWISH. Niemand versteht es besser, die Emotionen der Musik in Worte zu fassen."
Wie hat deine Stimme eigentlich den harten Belastungstest der Tour mit Rage im vergangenen Jahr überstanden?
"Besser als erwartet. Natürlich gab es einige brenzlige Situationen, weil alle Bandmitglieder im Laufe der Tour mal krank wurden. In Barcelona mussten wir leider einen Gig canceln."
Und du musstest in ein Krankenhaus, wo kein Mensch Englisch sprach, richtig? "Stimmt, das war wirklich schrecklich! Wir gingen zunächst in das größte Hospital der Stadt, aber dort hätten wir eine Wartezeit von fünf Stunden in Kauf nehmen müssen, und da es mir richtig elend ging, kam diese Warterei nicht in Frage. Man brachte uns in eine Privatklinik, wir verständigten uns mit Händen und Füßen, und als die Ärztin herausfand, dass ich Opernsängerin bin, erteilte sie mir zwei Wochen Sprech- und Singverbot. Ich protestierte vehement, also verschrieb sie mir drei verschiedene Medikamente, von denen ich furchtbar betrunken wurde und die meinen Magen umdrehten. Ich torkelte also von meinem Bett zum Klo und wieder zurück, aber wenigstens half das Zeug, und wir mussten die Tour nicht abbrechen. Klar ist aber, dass ich es nicht durchhalte, fünf Shows am Stück zu singen und nur jeden sechsten Tag Pause machen zu können. Es ist verdammt hart, dort oben auf der Bühne zu stehen, technisch möglichst einwandfrei zu singen und auch noch auf das Publikum einzugehen. Das verlangt mehr körperlichen Einsatz als bei einem Klassik-Konzert. Deswegen werden wir uns auf unserer kommenden Headliner-Tour jeden vierten Tag eine Pause gönnen."


Aber wo wir schon bei der Tour mit Rage sind: Was war eigentlich mit eurem Soundmann los? Bei beiden Shows, die ich gesehen habe, war von Gitarren und Vocals kaum etwas zu hören, und in anderen Städten war es den Aussagen einiger Bekannter zufolge ähnlich.
"Wir wurden während der Tour immer öfter darauf angesprochen", stöhnt Tuomas. "Wir dachten zunächst, das seien nur ein paar Anfangsschwierigkeiten, aber offensichtlich war dem nicht so. Die Sache tut uns natürlich leid."
Es gab schon böse Stimmen, die munkelten, dass Rage euch nicht alle Soundkanäle zur Verfügung gestellt haben, weil ihr bei einigen Shows noch mehr abgeräumt habt als Peavy und seine Mannen. Wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass Rage solche Klamotten nötig haben ... "Das stimmt auch nicht", stellt Tuomas unmissverständlich klar. "Die Jungs von Rage sind wirklich klasse, und es gab überhaupt keine Spannungen zwischen den beiden Bands. Ist doch normal, dass man sich ärgert, wenn die Vorband an manchen Abenden stärker abräumt."


Zudem keine ungewohnte Situation für Rage, die im Laufe ihrer Karriere oft genug selber Headliner an die Wand gespielt haben.
Ihre Konkurrenz wegblasen konnten auch NIGHTWISH, und zwar bei der finnischen Vorentscheidung zum Schlager Grand Prix - zumindest war ihnen die Gunst des Publikums sicher. "Das war ein Riesenspaß", grinst Tuomas, "der eine Menge Staub in Finnland aufgewirbelt hat. Die Zuschauer haben uns mit Abstand auf den ersten Platz gewählt, aber die Jury setzte uns auf die vorletzte Position, was in der Endabrechnung Platz drei für uns bedeutete. Die finnischen Tageszeitungen bastelten eine richtige Skandalstory aus der Geschichte, weil die Jury so krass am Geschmack der Zuschauer vorbei votierte. Wir haben die ganze Sache von Anfang an nicht besonders ernst genommen, wollten eigentlich nur die konservative Musikszene ein bisschen aufmischen, freuten uns aber natürlich über die Gratis-Publicity. Außerdem wurde dadurch klar, dass die Leute von der blöden Standard-Schlagermucke die Nase gestrichen voll haben."
Ein Phänomen, das auch in Deutschland nicht gerade unbekannt ist. Guildo Horn und Stefan Raab lassen grüßen ...


Aber was wäre, wenn NIGHTWISH wirklich zum Grand Prix gefahren wären und dort womöglich sogar noch gewonnen hätten? (Gähn... -Red.) Wir werden's wohl nie erfahren, genauso wenig wie die Band jemals das Stück 'Sleepwalker' veröffentlichen will, das sie bei diesem Wettbewerb zum Besten gab. Aber NIGHTWISH stehen in ihrem Heimatland mehr denn je im Blickpunkt der Medien - insbesondere Sängerin Tarja. Sie versucht, mit dieser Popularität möglichst natürlich umzugehen.
"Für mich ist das etwas völlig Ungewohntes. In gewisser Weise genieße ich den Rummel sogar. Ich bekomme Unmengen von E-Mails, versuche alle Anfragen höflich zu beantworten, was für mich kein Problem ist, da ich sowieso ein sehr freundlicher Mensch bin. Aber mich stört es manchmal, dass viele Leute nur mit mir kommunizieren wollen, weil ich eine Frau bin und in einer Heavy-Metal-Band singe, was ja nach wie vor recht ungewöhnlich ist. Und auf der letzten Tour stand ich plötzlich alleine vor einer Riesentraube von Fans und fühlte mich doch in gewisser Weise bedrängt. Seitdem passe ich auf, dass zumindest immer einer der Jungs dabei ist."
Hat der Erfolg von NIGHTWISH eigentlich auch deine Karriere als Opernsängerin positiv beeinflusst?
"Ganz im Gegenteil. Die klassischen Musikzirkel sind wirklich stockkonservativ und mögen es nicht, wenn jemand Tabus bricht. in Finnland gibt es vielleicht vier Leute, die entscheiden, wie welche Rolle besetzt wird, und da habe ich momentan ziemlich schlechte Karten, zumal ich ja noch Studentin bin. Dafür habe ich aber unglaublich viele Anfragen von anderen Metal-Bands bekommen, u.a. von The Kovenant und Edguy. Sogar eine Band aus Argentinien wollte mich haben. Da habe ich echt die freie Auswahl."
Und entschieden hast du dich unter anderem für eine Beteiligung an dem neuen klassischen Projekt von Kärtsy Hatakka, dem überaus kreativen Bandkopf von Waltari.
"Obwohl ich die weibliche Lead-Stimme war, hatte ich nur drei relativ kurze Einsätze. Es war aber ein tolles Erlebnis, auf der riesigen Bühne des wichtigsten Opernhauses in Finnland zu stehen. Die Musik war mir allerdings ehrlich gesagt ein wenig zu extrem. Das Bühnenbild sah jedoch fantastisch aus."
Der Einsatz von klassischen Instrumenten würde bestimmt auch der Musik von NIGHTWISH gut zu Gesicht stehen ...
"Oh ja, das würde sich wunderbar ergänzen", stimmt Tuomas zu. "Ein paar schön fette Chöre, ein kleines Orchester ... Leider fehlten uns bislang sowohl die Zeit als auch die finanziellen Mittel, um so etwas zu realisieren. Außerdem müsste ich zuvor lernen, wie man das ordentlich arrangiert."
Aber auch ohne klassische Unterstützung können wir uns sicher auf die anstehenden Festival-Shows von NIGHTWISH freuen, deren Höhepunkt der Auftritt auf dem Wacken Open Air sein dürfte, wo 20.000 Metalheads mit der Band feiern werden ...
"Wie viele Leute kommen da? 20.000?"
Tarja scheint sich bei diesem Gedanken nicht gerade wohl zu fühlen ...
"Wir haben in Finnland schon einige Festivals gespielt, aber auf einem so großen Ding sind wir noch nie aufgetreten. Ich werde sicher ganz furchtbar nervös sein und ständig zur Toilette rennen ..."
... und hinterher im Gefühl der absoluten Glückseligkeit von der Bühne schweben. Wetten?


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